EU Inc. - eine Gesellschaft fuer ganz Europa. Was bedeutet das fuer Startups und digitale Unternehmer?



Am 18. Maerz 2026 hat die Europaeische Kommission offiziell den Legislativvorschlag EU Inc. vorgelegt - eine paneuropaeische Rechtsform, auch 28. Regime genannt. Nach Jahren der Diskussionen, den Berichten von Mario Draghi und Enrico Letta sowie intensivem Lobbying aus dem Startup-Oekosystem ist das Konzept von der Idee zur konkreten Gesetzgebung geworden. Fuer europaeische Unternehmer - auch fuer digitale Unternehmer, die ueber Stripe verkaufen - ist das potenziell die wichtigste Reform seit der Einfuehrung des Euro.

Aber wie bei EU-Regulierungen ueblich: der Teufel steckt im Detail.

Was ist EU Inc. und welches Problem loest es?



EU Inc. ist eine optionale, einheitliche Rechtsform fuer Unternehmen in allen 27 EU-Mitgliedstaaten. Sie ersetzt weder die deutsche GmbH noch die franzoesische SAS oder die niederlaendische B.V. - sie ist eine zusaetzliche Option, daher der Name "28. Regime". Heute muss ein Startup, das in 5 EU-Laendern taetig sein will, in jedem Land eine eigene Gesellschaft gruenden. Eigene Anwaelte, Steuerberater, Registrierungsverfahren und Kosten. Laut Europaeischer Kommission belaufen sich die Kosten einer solchen Expansion auf 50.000 bis 150.000 Euro im ersten Jahr. Zum Vergleich: Ein US-Startup registriert sich in Delaware fuer 400 bis 900 Dollar und operiert sofort in 50 Bundesstaaten. Der Unterschied ist zehn- bis dreissigfach.

Genau diese Kluft fuehrt dazu, dass 30-40% der europaeischen Einhoerner ihren Sitz in die USA verlegt haben - vor allem nach Delaware. Nicht weil Europa keine Talente oder Ideen haette, sondern weil der Betrieb eines Unternehmens in mehreren EU-Laendern gleichzeitig absurd teuer und kompliziert ist. EU Inc. soll das aendern.

Was wir sicher wissen



Der Vorschlag der Kommission (COM(2026) 321) ist oeffentlich und die Details sind beeindruckend. Die Gruendung einer EU Inc. soll vollstaendig digital erfolgen - ohne Notar, ohne Behoerdenbesuch, von ueberall auf der Welt, innerhalb von 48 Stunden, fuer maximal 100 Euro. Das Mindeststammkapital betraegt symbolische 1 Euro. Zum Kontext: Die Gruendung einer GmbH in Deutschland dauert 4 bis 6 Wochen, erfordert zwingend einen Notar und kostet 2.000 bis 5.000 Euro bei einem Mindeststammkapital von 25.000 Euro. Selbst die schlankere Alternative - die UG (haftungsbeschraenkt) mit 1 Euro Stammkapital - erfordert notarielle Beurkundung und ist in der Praxis deutlich komplexer als der EU-Inc.-Vorschlag.

Statt sich in jedem Land einzeln zu registrieren, nutzt die EU Inc. eine einzige Schnittstelle auf EU-Ebene, die nationale Handelsregister verbindet (BRIS-System). Unternehmensdaten gibt man einmal ein. Und es geht nicht nur um die Gruendung - Gesellschafterversammlungen, Vorstandssitzungen, Anteilsausgaben, Uebertragungen - alles laeuft digital. Die Verordnung verbietet den Mitgliedstaaten ausdruecklich, zusaetzliche Papierfoermlichkeiten aufzuerlegen.

Eines der bahnbrechendsten Elemente ist das EU-ESO - ein einheitliches Schema fuer Mitarbeiteraktienoptionen. Heute funktionieren ESOPs in verschiedenen EU-Laendern drastisch unterschiedlich: in manchen sind sie steuerlich vorteilhaft (Frankreich), in anderen geradezu bestrafend (Deutschland, Belgien). In Deutschland werden Mitarbeiteraktienoptionen haeufig bereits bei Ausuebung besteuert - ein enormes Problem fuer Startups, die Talente mit Equity anlocken wollen. EU-ESO fuehrt die Regel ein, dass die Besteuerung erst beim Verkauf der Anteile erfolgt, nicht bei deren Erwerb. Die Verordnung erlaubt auch flexible Anteilsklassen - einschliesslich Vorzugsanteile zum Schutz der Gruender vor Kontrollverlust. Ein Mechanismus, der aus Delaware bestens bekannt ist, in Europa aber bisher nur fragmentarisch verfuegbar war.

Ursula von der Leyen formulierte es so: "Any entrepreneur will be able to create a company within 48 hours, from anywhere in the European Union." Das Ziel der Kommission ist eine Einigung von Parlament und Rat bis Ende 2026.

Draghi: Europa erhebt Zoelle gegen sich selbst



Um zu verstehen, warum EU Inc. gerade jetzt kommt, muss man zurueck in den Februar 2025 blicken. Mario Draghi - ehemaliger EZB-Praesident und Ex-Premierminister Italiens - veroeffentlichte in der Financial Times einen Artikel, der zum Manifest des Wandels wurde. Der Titel sagt alles: "Forget the US - Europe has successfully put tariffs on itself".

Draghi argumentiert, dass die internen Barrieren der EU Zoellen von 45% auf Produktion und 110% auf Dienstleistungen entsprechen - das sind IWF-Daten. Diese internen Barrieren seien schaedlicher fuer das Wachstum als jegliche Zoelle, die die USA erheben koennten. Der Handel zwischen EU-Laendern ist geringer als die Haelfte des Handels zwischen US-Bundesstaaten - in einer voll integrierten Wirtschaft eine undenkbare Situation. Die DSGVO-Compliance-Kosten haben die Gewinne kleiner Technologieunternehmen um 12% geschmaelert. Und von 2009 bis 2024 pumpten die USA fuenfmal mehr in ihre Wirtschaft als die Eurozone (14 Billionen Euro vs. 2,5 Billionen Euro), was zu einem dramatischen Unterschied bei Binnennachfrage und F&E-Investitionen fuehrte.

Besonders relevant fuer digitale Unternehmer und Online-Verkaeufer: Draghi weist auf das Paradox hin, dass Europas Handelsoffenheit zu seiner Schwaeche geworden ist. Der Handel als Anteil am BIP stieg in der Eurozone von 31% auf 55%, waehrend er in den USA von 23% auf lediglich 25% wuchs. Europa errichtet de facto regulatorische Barrieren in dem Sektor, der 70% seines BIP ausmacht.

Draghi schliesst mit der Erkenntnis, die zum Motto der gesamten Reform wurde: "Both these shortcomings - supply and demand - are largely of Europe's own making. They are therefore within its power to change."

Was wir noch nicht wissen



Der Vorschlag ist ambitioniert, laesst aber wesentliche Luecken - und genau darin liegt das Risiko, dass EU Inc. das Schicksal frueherer Harmonisierungsversuche teilt.

Die wichtigste Unbekannte sind die Steuern. EU Inc. harmonisiert keine Steuern - jedes EU-Land behaelt die volle Steuerhoheit, und eine EU Inc. wird nach dem Recht des Sitzlandes besteuert. Die Kommission empfiehlt (aber verpflichtet nicht), dass Staaten EU-ESO als Kapitalertraege statt als Einkommen aus unselbstaendiger Arbeit behandeln - aber das ist nur eine Empfehlung. Ohne BEFIT (Business in Europe: Framework for Income Taxation), das selbst in den Verhandlungen feststeckt, bleibt die steuerliche Fragmentierung der groesste Kostenfaktor grenzueberschreitender Operationen. Fuer deutsche Unternehmer, die bereits mit der Komplexitaet der Stripe-Abrechnungen kaempfen, bedeutet das: EU Inc. vereinfacht die Rechtsform, aber nicht die Steuern.

Die zweite Luecke betrifft die Streitbeilegung. Delaware hat den Court of Chancery - ein spezialisiertes Gesellschaftsgericht mit ueber 200 Jahren Rechtsprechungsgeschichte. EU Inc. sieht kein Aequivalent vor. Mitgliedstaaten koennen (muessen aber nicht) spezialisierte Gerichte benennen, was das Risiko divergierender Auslegungen derselben Vorschriften in 27 Laendern birgt. EU Inc. harmonisiert auch ausdruecklich nicht das Arbeitsrecht - in Deutschland muessen Unternehmen mit mehr als 500 Beschaeftigten weiterhin Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat haben, waehrend in Estland eine solche Anforderung nicht existiert. Die Gewerkschaften, allen voran ETUC und DGB, warnen vor der Registrierung von Gesellschaften in Laendern mit dem schwaechsten Arbeitnehmerschutz.

Oliver Roethig von UNI Europa sagt klar: "EU Inc. opens a window for circumventing national regulatory frameworks" - und warnt, dass der Vorschlag das europaeische Sozialmodell untergraben koennte. Auf der anderen Seite kritisiert Julian Teicke von BAD1 aus einer voellig anderen Richtung: "This is just slapping a single login screen over 27 fragmented legal systems - we need real, borderless infrastructure."

Wird es diesmal gelingen?



EU Inc. ist nicht der erste Versuch. Die Societas Europaea (SE), 2001 verabschiedet, sollte eine paneuropaeische Rechtsform sein, wurde aber durch Kompromisse so verwaessert, dass sie praktisch niemand nutzt - gerade einmal rund 3.000 Registrierungen, hauptsaechlich Briefkastengesellschaften. Die Societas Privata Europaea (SPE), 2008 speziell fuer KMU vorgeschlagen, wurde von Deutschland wegen der Mitbestimmung blockiert. Die Single-Member Company (SUP) von 2014 wurde 2018 aus denselben Gruenden zurueckgezogen. Die gemeinsame Koerperschaftsteuerbemessungsgrundlage GKKB, seit 2011 vorgeschlagen, wurde 2023 zurueckgezogen.

Das Muster ist eindeutig: Jeder Harmonisierungsversuch scheitert entweder oder wird so verwaessert, dass er seinen Sinn verliert. Doch diesmal ist der Kontext ein anderer. Draghis Bericht hat eine beispiellose politische Legitimation geschaffen. Der Wettbewerbsdruck aus den USA und China ist staerker als je zuvor. Und zum ersten Mal umgeht der Vorschlag bewusst die politisch toxischsten Themen (Steuern, Arbeitsrecht) und konzentriert sich ausschliesslich auf das Gesellschaftsrecht. Das kann sowohl seine Staerke als auch seine Begrenzung sein.

Was das in der Praxis bedeutet - besonders fuer deutsche Unternehmen



Deutschland ist das Schluesselland fuer EU Inc. - und zwar aus zwei entgegengesetzten Gruenden. Einerseits hat die deutsche Mitbestimmung die SPE 2008 im Alleingang blockiert. Die Gewerkschaften - allen voran der DGB - sind die staerksten Gegner einer europaeischen Einheitsgesellschaft. Bei Unternehmen mit mehr als 500 Beschaeftigten muss ein Drittel des Aufsichtsrats aus Arbeitnehmervertretern bestehen, bei mehr als 2.000 Beschaeftigten sogar die Haelfte. EU Inc. respektiert zwar die Mitbestimmung fuer in Deutschland registrierte Gesellschaften, doch die Gewerkschaften fuerchten "Briefkastengesellschaften" - EU Inc.s, die bewusst in Laendern ohne vergleichbare Arbeitnehmerrechte registriert werden.

Andererseits ist Deutschland das Land, das von EU Inc. am meisten profitieren koennte. Berlin ist Europas groesster Startup-Hub nach Anzahl der Gruendungen, Muenchen folgt als starkes Zentrum fuer Deep Tech und B2B-SaaS. Doch die GmbH ist beruehmt-beruchtigt rigide fuer VC-finanzierte Unternehmen: 25.000 Euro Mindeststammkapital, notarielle Beurkundung jeder Anteilsuebertragung, keine flexiblen Anteilsklassen. Deutsche Startups, die nach Frankreich, in die Benelux-Staaten oder nach Skandinavien expandieren wollen, stossen auf enorme Reibungsverluste - und genau dieses Problem soll EU Inc. loesen.

Fuer digitale Unternehmer, die Stripe-Gebuehren zahlen und international verkaufen, koennte EU Inc. bedeuten, dass statt mehrerer Rechtseinheiten in verschiedenen Laendern eine einzige Gesellschaft genuegt - mit einem einzigen Tool zur Automatisierung der Rechnungsstellung. Die Herausforderung bleiben allerdings die lokalen Steuervorschriften, denn diese harmonisiert EU Inc. nicht. Tools wie striptu.com, die bereits heute die Rechnungsstellung fuer Stripe-Transaktionen in verschiedenen Buchhaltungssystemen automatisieren - ob Fakturownia, inFakt oder andere - werden in der Welt der EU Inc. noch wichtiger. Denn eine Gesellschaft, die in mehreren Laendern operiert, bedeutet auch mehrere Steuerjurisdiktionen, die bedient werden muessen.

Die wichtigsten Zahlen



ParameterWert
Gruendungskosten EU Inc.unter 100 Euro
Gruendungsdauer48 Stunden
Mindeststammkapital1 Euro
Kosten der Expansion in 5 EU-Laender (heute)50.000 - 150.000 Euro
Aequivalent in den USA (10 Bundesstaaten)1.500 - 5.000 Dollar
Interne EU-Barrieren laut IWF45% (Produktion), 110% (Dienstleistungen)
Europaeische Einhoerner mit Sitz in den USA30-40%
Jaehrliche Cross-Border-Compliance-Kosten in der EU42 Mrd. Euro
GmbH-Gruendung in Deutschland25.000 Euro Kapital, 4-6 Wochen, Notar
Der Ball liegt jetzt beim Europaeischen Parlament und dem Rat. Ziel: Ende 2026. Fruehere Versuche endeten mit Scheitern oder Verwaesserung. Aber wie Draghi es formulierte - diese Barrieren sind Europas eigenes Werk, und deshalb hat Europa es auch in der Hand, sie zu aendern.

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Quellen: Europaeische Kommission COM(2026) 321, IP/26/614, Financial Times - Mario Draghi, 14.02.2025, Tech.eu, A&O Shearman, IWF, Dealroom

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